Interview mit Dr. Eckart von Hirschhausen

Gründer und Geschäftsführer der Stiftung HUMOR HILFT HEILEN

Dr. Eckart von Hirschhausen

Was war die Motivation zur Gründung der Stiftung HUMOR HILFT HEILEN?

Einmal schilderte mir ein Arzt in einer Kinderklinik, während einer meiner Zaubershows in einem Krankenhaus, eine Beobachtung: ein Junge war schon länger in Behandlung mit „selektivem Mutismus“, einer seelischen Störung, bei der Kinder aufhören zu sprechen. Dieser Junge war Teil der Gruppe, für die ich auftrat. Und alle Kinder wurden involviert in die Zauberei, mussten laut zählen, pusten usw. Der Junge machte ebenfalls munter mit und „vergaß“ dabei gänzlich seine Störung. Ich bilde mir nicht ein, dass es der entscheidende Moment für ihn war, dazu hat es viel gebraucht. Aber vielleicht war es genau der kleine Anstoß, der noch fehlte, um seine Heilung voran zu bringen.

Seitdem nehme ich die Rolle von Humor und einer heilsamen Stimmung im Krankenhaus in ihrer Bedeutung für die Heilung sehr ernst. So gründete ich 2008 die bundesweite Stiftung HUMOR HILFT HEILEN mit der Mission, heilsame Stimmung im Krankenhaus zu fördern und modernes Wissen aus der Positiven Psychologie in die medizinische Praxis zu bringen.

Ihre Stiftung begann mit Clownsvisiten in Krankenhäusern, was hat sich seit Stiftungsgründung geändert?

Wir haben vor 12 Jahren angefangen, den Einsatz von Clowns in Krankenhäusern zu unterstützen. Seitdem haben wir um die 12.000 Visiten für Kinder, Erwachsene, in Altersheimen und Hospizen durchgeführt.

Zum 10-Jahres Jubiläum haben wir einmal überschlagen, wie vielen Menschen wir Begegnungen ermöglicht haben, die es ohne HHH nicht gegeben hätte. Wir kamen auf 500.000! Darauf bin ich schon sehr stolz, was das ganze Team von HHH da geleistet hat. Wer wissen will, wer da alles dahintersteckt, findet die Gesichter und Geschichten dazu auf unserer Homepage: www.humorhilftheilen.de

Doch je länger wir uns mit der Kraft des Humors beschäftigten, umso mehr ist die Pflege in den Fokus gerückt. Ausgerechnet die hoch Motivierten brennen am schnellsten aus, wenn ihre Ansprüche auf die Realität prallen. Daher hat HUMOR HILFT HEILEN Workshops mit speziellen Modulen für Pflegekräfte entwickelt, in denen die Inhalte der modernen Psychologie und Resilienzforschung gezielt angewandt werden. Ausgebildete Humortrainer geben ihr Wissen über authentischen Kontakt, spontane Herzlichkeit, Achtsamkeit und Seelenhygiene weiter. 

Der erste durch HUMOR HILFT HEILEN initiierte Pflegeworkshop fand 2013 in Köln statt. Schnell folgten weitere in zahlreichen bundesweiten Einrichtungen aus den Bereichen Altenpflege, Klinikum, Hospiz- und Palliativversorgung sowie in der Seelsorge, so dass die Stiftung inzwischen in über 1.000 Workshops mehr als 12.000 Pflegende schulen konnte.

Einen weiteren Fokus bekam das Thema Pflegeausbildung. Wir haben ein spezielles Unterrichtskonzept für Pflegeschüler verfasst. In ausbildungsbegleitenden Modulen werden an den Pflegeschulen die Themen Selbstfürsorge, Achtsamkeit, Kommunikation und Seelenhygiene integriert: wie kann ich belastende Dinge loslassen, was hilft Stress und Anspannung abzubauen – und wie sorge ich so gut für mich, damit ich auch für andere sorgen kann! Diese zentralen Skills sind bisher nur theoretisch oder gar kein Teil der Ausbildung.

Zudem hat HUMOR HILFT HEILEN bereits 7 wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit des Humors initiiert und finanziert. So wurden die Pflegeworkshops sehr positiv evaluiert, was mich gefreut, aber nicht überrascht hat. Eine Pilotstudie aus Greifswald zeigte, dass Kinder, bei denen ein ausgebildeter Klinikclown in die OP-Vorbereitung eingebunden wird, messbar höhere Werte des Vertrauenshormons Oxytocin und spürbar weniger Angst hatten. Wir finanzieren eine Musiktherapeutin in der Neonatologie, die den Müttern beibringt, für ihre frühgeborenen Kinder zu singen – auch hier zeigen sich unmittelbar physiologische Verbesserungen. Aktuell läuft eine Studie in der Palliativmedizin, wo es um Lebensqualität am Ende des Lebens geht. Wir versuchen also den Menschen in einem großen Bogen zu verstehen, und wo es fehlt, mehr Humanität in die Humanmedizin zu bringen. 

 

Unsere Arbeit ist wie ein dickes Brett im Bereich Humanität in der Medizin, in das wir nach und nach immer mehr Löcher bohren…

Dr. Eckart von Hirschhausen in Bethel mit Pflegeschülern bei einer Probevisite

Mit dem Ziel, mehr Humanität in die Medizin zu bringen, leistet die Stiftung Pionierarbeit. Was braucht es seitens der Politik?

Die Systemrelevanz der Pflege ist in diesem besonderen Jahr durch die Corona-Pandemie enorm in den Fokus gerückt. Die Belastung des Berufs wurde jedem deutlich vor Augen geführt. Wie man es schafft, „heil“ durch so eine Krise zu kommen, ohne komplett auszubrennen, genau da setzen unsere Workshops mit Mechanismen zur Stressbewältigung und zur Stärkung der eigenen Seelenhygiene seit Jahren an.  Krankheiten werden nicht weniger, der Klimawandel wird eher dazu beitragen, dass wir es mit noch viel mehr und neuen Infektionen, Allergien und hitzebedingten Krankheitsbildern zu tun haben werden, insofern steigen die Anforderungen für das pflegerische Personal kontinuierlich an. Daher sollte es eine Präventionsleistung der Krankenkassen sein, medizinisches Personal Resilienzworkshops standardmäßig anzubieten.

Das gleiche gilt für die Clownsvisiten. Während ein Klinikclown anfänglich ein Kuriosum im Krankenhaus war, spricht es heute eher gegen eine Klinik, wenn sie keine Klinikclownsvisiten anbieten.

Klinikclowns nehmen dem Klinikaufenthalt oder auch der Krankheit Angst und Bedrohlichkeit, stärken Hoffnung und geben dem Patienten Lebensmut. Sie stärken dessen Seelenhygiene und tragen so zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte bei.

Was viele vergessen ist, dass es nicht nur ein gutes Medikament oder eine OP benötigt, um zu gesunden, sondern der Mensch in seiner Heilung mindestes genauso Zuwendung und Fürsorge benötigt. Wir setzen uns daher sehr für die Anerkennung der Systemrelevanz der Klinikclowns ein und wünschen uns dies ebenfalls von politischer Seite, so dass eine Übernahme der Clownsvisiten ebenfalls ein Standard im Klinikangebot sein muss.

Warum sind Spenden so wichtig für Ihre Arbeit?

Gerade in Zeiten von Pflegenotstand und Überlastungen des Gesundheitssystems bleibt für Humor und vermeintlich „weiche“ Skills oftmals kein Budget übrig. Unsere Arbeit finanzieren wir daher ausschließlich über Spenden, ob nun von Privatpersonen oder von Unternehmen. Diese finanzielle Unterstützung ermöglicht es uns, weit über Kassenleistungen hinaus zu agieren und heilsame Stimmung dorthin zu bringen, wo sie viel Gutes tun kann. Zudem investieren wir sehr viel in die Kompetenz, Supervision und Weiterbildung unserer Clowns und Humortrainer. Ohne Spenden könnten wir nicht so viel erreichen. Denn es gibt ja den großen Unterschied zwischen gut gemeint und gut gemacht. Viele denken immer noch, unsere Arbeit wäre ehrenamtlich. Nein, es braucht da eine hohe Qualität, Weiterbildung und Profis, und Profis müssen auch von ihrer Arbeit leben können.

Als gelernter Arzt sind Sie das Tragen von Masken gewohnt. Man kennt Sie eigentlich immer nur gut gelaunt und zuversichtlich. Aber wie hat Corona auf Sie persönlich und die Arbeit Ihrer Stiftung Auswirkungen?

2020 war ein sehr herausforderndes Jahr. Die Corona-Krise hat uns allen gezeigt, wie schnell wir aus unserer Komfort-Zone herausgeschleudert werden können. Ich habe tiefen Respekt für die vielen Pflegekräfte und Ärzte, die durch Covid-19 an den Rand der Belastbarkeit kamen und sich dieser neuen Erkrankung mit all ihren Tücken stellen mussten. Für eine WDR-Doku „Hirschhausen auf Intensiv“ war ich eine Woche zu Beginn der Pandemie auf einer Intensivstation und habe erlebt, was das medizinische Personal teilweise Übermenschliches leistet. Und wie Patienten starben oder mit Spätfolgen überlebten. Wer das einmal erlebt hat, kann Corona nicht leugnen. 

Für die Stiftung selber bedeuteten die Maßnahmen der Pandemie, besonders die Kontaktbeschränkung, dass unsere Workshops und Clownsvisiten lange Zeit gar nicht stattfinden konnten. Daher haben wir ein digitales Angebot für Patienten entwickelt.

Die Clowns kamen per Skype oder Zoom in die Krankenzimmer und auf unseren sozialen Kanälen man viele Filme, die unsere Clowns produziert haben, abrufen.

Außerdem haben wir natürlich auch einen Spendenrückgang erlebt. Die Menschen hatten teilweise weniger Einkünfte, den Kopf voll mit Sorgen, Ängsten, Unsicherheiten. Der Alltag, in dem Spenden und Altruismus einen Platz haben, ist gehörig durcheinandergekommen.

Wie helfen Ihnen in diesem Zusammenhang die Möglichkeiten der Digitalisierung und wie wichtig ist dabei das Thema Daten für Sie?

Wie viele Vereine haben auch wir während des Lockdowns erkannt, welches Potential digitales Arbeiten hat. Im Team, aber auch gemeinsam mit den Clowns, sind wir zu Zoom-Weltmeistern geworden, was wunderbar geklappt hat. Aber nichts kann den direkten menschlichen Kontakt ersetzen, bei dem immer mehr Ebenen mitschwingen und berührt werden als auf einem Bildschirm.   Der authentische Kontakt ist und bleibt unsere Spezialität. Dennoch konnten wir über Social Media weiter kommunizieren und uns zeigen, somit den Kontakt zu unseren Unterstützern halten und sie auf dem Laufenden halten, bspw. auch über die Herausforderungen in den Projekten während der Coronazeit.  

Sie sind einer der bekanntesten Ärzte Deutschlands und darüber hinaus ein gefragter Redner, u.a. beim Fundraisingverband (Fachtag Gesundheit) sowie beim Bundesverband Deutscher Stiftungen. Nimmt der Bedarf an finanzieller Hilfe zu oder wollen sich die Kolleginnen und Kollegen, die schon im Fundraising tätig sind, nur noch weiter professionalisieren? 

Das Fundraising in Deutschland hat sich in den vergangenen zehn Jahren stark verändert und professionalisiert. Nicht mit allen Maßnahmen bin ich glücklich. So finde ich nach wie vor, dass zu einer feinsinnigen Arbeit wie der unseren, aggressive Auftreten im Face-to-Face und Tür-zu-Tür Geschäft, oft mit gekauften Werbern wie sie teilweise in der Branche betrieben werden, nicht passt.

Mit wachsendem Spendenaufkommen verändern sich auch die Aufgaben und Anforderungen an das Fundraising. Wachsende Spenderzahlen erfordern zb. bessere, automatisierte Abläufe in der Spenderbetreuung. Das muss aber auch die entsprechende Datenbank hergeben. Oder aber: Je mehr Geld wir einnehmen und ergo je mehr Projekte wir durchführen können, desto mehr Inhalte gibt es, was wir mit den Spendern kommunizieren wollen. Auch das bringt Veränderungen in der Art und Häufigkeit der Spenderkommunikation mit sich.

 

Wie entwickelt sich die Arbeit Ihrer Stiftung idealerweise in den nächsten zehn Jahren? Wie sehen Sie Ihre aktuelle und zukünftige Rolle in dieser und anderen Stiftungen? 

Jede soziale Aktivität würde sich in einer idealen Welt überflüssig machen, es wäre schön, wenn es in zehn Jahren Humor auf Krankenschein gäbe, jede Pflegekraft wüsste, wie sie sich selber seelisch gut pflegt, unsere APP auf jedem Smartphone ab der Ausbildung installiert und weiterentwickelt wäre und und und –  aber nach all dem sieht es momentan nicht aus.

Wir müssen anerkennen, dass wir es mit harten Gegenkräften zu tun haben, dass der Druck in Richtung Stellenabbau, Ökonomisierung, und unmenschlichen Arbeitsbedingungen mit Leiharbeit, aus dem Ausland angeworbenen Fachkräften und ständiger Arbeitsverdichtung kaum ein Durchatmen ermöglicht, geschweige denn ein Aufatmen und Lachen.

Deshalb wird HUMOR HILFT HEILEN als kleiner Stachel im Fleisch des Gesundheitswesens weiter gebraucht werden, und ich fände es jetzt an der Zeit, wenn die Kassen und die Politik unsere Arbeit ernst nehmen und finanziell unterstützen. Wir müssen niemandem mehr beweisen, dass es hochgradig Sinn macht, auch „Unsinn“ zu verbreiten. Die Pionierarbeit ist geleistet – wer macht jetzt mit uns ernst mit Humor?!

Meine zweite große Sorge gilt dem Zusammenhang von Klimawandel und Gesundheit. Das erleben wir ganz hautnah mit in den überhitzten Sommern, wo erst recht unter Covid-Schutzkleidung die Pflege in Schwitzen gerät und die Patienten Luft schnappen. Hitze ist als Außentemperatur ein echtes medizinisches Problem, aber eben auch in den Gebäuden selber. Viele Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser haben keine Klimaanlagen, stammen baulich aus einer Zeit, in der es nicht um Kühlung und Verschattung ging, wenn da die Sonne draufknallt, wird es unerträglich. Und Klimaanlagen heizen ja die Umgebung wieder auf, fressen dreckigen Strom und sind auch nicht die Lösung. Es braucht Investitionen in Milliardenhöhe, um das Gesundheitswesen resilienter zu machen, für die nächsten Jahre. Corona ist ja auch nicht vom Himmel gefallen, sondern der Preis, den wir für die Umweltzerstörung, den Wildtierhandel und die Globalisierung zahlen. Jede Krankheit, die es irgendwo im Tierreich gibt, wird heute viel eher auf Menschen übertragen, und aus jedem lokalen Geschehen kann ein globales werden. Wir haben viel zu lange Gesundheit verengt auf Praxen, Krankenhäuser, Tabletten und Operationen. Aber nichts davon macht mehr Sinn, wenn unsere Lebensgrundlagen zerstört sind. Gesundheit beginnt mit einer erträglichen Außentemperatur, mit sauberer Luft ohne Feinstaub aus Autos und Kohlekraftwerken, mit sauberem Wasser ohne Mikroplastik und Medikamentenresten, mit genug zu essen und einem Dach über dem Kopf. All das ist in Gefahr und in den nächsten 10 Jahren entscheidet sich, ob wir die Transformation hinbekommen und ob die Erde für Menschen überhaupt bewohnbar bleibt. Seit mir die Dimension dieser Aufgabe klar geworden ist, habe ich eine zweite NGO gegründet, die Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“. So wie wir mit HUMOR HILFT HEILEN den Menschen von der Geburt bis zum Tod sehen und begleiten wollen, so müssen wir uns jetzt als Gesellschaft anstrengen, Gesundheit auch als etwas elementares, planetares zu begreifen. Ärzte sind dazu da, Leben zu schützen, auf Gefahren hinzuweisen und manchmal auch Unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Die Klimakrise ist die größte Bedrohung für Leib und Leben. Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns. An dieser Herausforderung werden zukünftige Generationen uns messen. Und ich wünsche jedem, der bis hierhin gelesen hat, dass wir gute Antworten finden.

 

 

Die Fragen stellten Christoph Michel, Gründer von Wir tun Gutes, und Martin Fischer (Fundraisingberater der van Acken Fundraising GmbH und Herausgeber von „Fundraising im Gesundheitswesen“).

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